Alter Schwede!

Wie wir auszogen, einen Volvo zu kaufen.

Ein Gastbeitrag von Jason Harder

 

Wir fahren seit einigen Jahren ein Saab 900 Cabrio aus dem letzten Baujahr der „echten“ – und sind damit sehr glücklich. Was auch daran liegt, dass Erik über die zurückgelegten gut 20.000 Kilometer zuverlässig dafür gesorgt hat, dass wir immer mit gutem Gefühl mobil sind.

Und weil das so gut funktioniert, suchten wir nun einen kantigen Volvo als Alltags-Familienauto.

Der Auslöser für unsere Volvosuche war, dass wir nach sieben Jahren verschiedener Toyota Avensis Kombis zu der Entscheidung kamen, den „modernen“ Autos endgültig abzuschwören – und dem alten Traum des Kantenvolvos für den familiären Alltagstransport nachzugehen.

Denn, so unsere schnelle Rechnung, die Kosten für Leasing, Wertverlust und Wartung summieren sich beim modernen Wagen in einer Weise auf, für die man einen guten Gebrauchten lange fahren kann – auch, wenn der deutlich mehr Durst haben sollte als moderne Fahrzeuge.

Wir setzten uns mit Erik zusammen und umrissen, was wir wirklich suchten: ein zuverlässiges, geräumiges Fahrzeug aus Schwedenstahl. Mit grüner Plakette und dem Potential, ein Teil der Familie werden zu können ohne dass allzu schnell Reue aufkommt. Ausreichend, aber nicht übermäßig motorisiert. In einem Zustand, der uns offen lässt, ob wir ihn „abwohnen“ möchten oder nicht – das sollten nicht bereits die Vorbesitzer erledigt haben. Wäre das noch zu paaren mit einem naherückenden H-Kennzeichen, wäre das ein gerne genommenes Plus.

Solche Anforderungsprofile kann Erik deutlich besser in konkrete Autos „übersetzen“ als ich selbst. Ich lächelte ihn an, wartete etwas – und bekam ein Lächeln zurück: „Da finden wir schon was.“

Die Suche

Nummer 1 – V90 mit 3-Liter-Sechszylinder – Baujahr 1997

Zunächst suchte ich eher in Richtung V90 mit 3.0 V6 – um ein kräftiges, noch recht modernes Fahrzeug mit Automatik zu finden. Wir schauten uns einen schwarzen Volvo in der Nähe an und merkten schnell, dass die Suche komplexer werden würde als zunächst erhofft:

Der erste Kandidat – irgendwie merkwürdig, das Auto.
Der erste Kandidat – irgendwie merkwürdig, das Auto.

Ein recht teurer Geselle, dieser späte 960er mit dem großen Sechszylinder, der immerhin deutlich über 6.000 Euro kosten sollte. Wie sich bei der Begutachtung zeigte, war dieser Wagen – auch nach einer offenkundig sehr intensiven Grundreinigung – noch nicht wirklich hübsch. Und er wies eine Reihe von Mängeln auf, die wir in der Summe nicht tolerieren wollten: Defekte Nivomaten, unruhiger Motorlauf, ungepflegter Innenraum, Faltenwürfe an den Türblenden, quietschende Fensterheber.

Immerhin bot das Kennenlerngespräch mit dem Verkäufer eine erste Überraschung: Der Serviceleiter, der im Jahre 1997 die beiden ersten Scheckhefteinträge dieses Wagens abgezeichnet hatte, war ein gewisser Erik Schulte. Man sieht sich eben immer zweimal.

Da der Verkäufer, was den Preis anging, überaus unbeweglich blieb, änderten wir das Suchfeld: Was beim begrenzten Angebot bedeutete, dass wir es massiv ausdehnen mussten.

Nummer 2 – 940 Vollturbo – Baujahr 1998

Beim zweiten Wagen hatten wir uns nun auf den 2,3 Liter Turbo eingeschossen. Wegen der geradlinigeren Front waren wir vom V90 abgerückt. Dadurch wurde das Angebot deutlich enger; nur wenige Fahrzeuge wirkten schon über die Angebote bei Mobile und Autoscsout so, als müsste man sie sich mal anschauen. Ein Volvo bei Hamburg, einer bei München – und jener 940er, den wir im Saarland besuchten.

Der Verkäufer schilderte den Wagen als gepflegten und sehr gut ausgestatteten Begleiter mit Schweizer Herkunft. Zwei Punkte trafen zu; das Auto verfügte über eine Reihe netter Features und es kam aus der Schweiz. Beim Thema Fahrzeugpflege hatten der Verkäufer und wir allerdings außerordentlich unterschiedliche Auffassungen.

Der Verkäufer fand, dass das Auto kein nennenswerte Roststellen besitzt. Wir empfanden das anders.
Der Verkäufer fand, dass das Auto kein nennenswerte Roststellen besitzt. Wir empfanden das anders.

Auch ohne den Wagen hochzuheben wurde schnell klar, dass man es mit fortgeschrittenem strukturellen Rost zu tun hat. Der Verkäufer wollte deutlich über 3.000 Euro haben und gestand nur zögerlich zu, dass der Wagen vielleicht nicht ganz so optimal sei, wie angepriesen. Nach einigem Hin und Her wären wir vielleicht bei einer Halbierung des Preises eingestiegen und weggefahren; aber der Besitzer wollte nur einige Hunderter nachlassen. Zuwenig für die angebotene Leistung mit dosenlackierten Schwellern.

Also setzten wir uns wieder in unser Reisefahrzeug und fuhren nach Hause.

In den nächsten Tagen tat ich mich in verschiedenen Foren um und durfte dabei lernen, dass gepflegte Autos in der Tat offenbar meist in festen Händen sind. Und dass die Laufleistung eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Da ich mit der Haltung aufgewachsen bin, dass Autos mit mehr als 100.000 Kilometern zwanghaft Kernschrott sind, musste ich, viel stärker noch als damals beim Saab, lernen umzudenken. Aus diesem Grund nenne ich bei den hier vorgestellten Fahrzeugen die Kilometerleistung nicht.

Nummer 3 – 760 Turbo Intercooler – Baujahr 1990

Auf der Reise durch die Zeit kamen wir schließlich in Regionen an, denen schon der zarte Hauch des H-Kennzeichens innewohnt.

Langsam wurde uns klar, dass es offenbar die Regel ist, dass die älteren, tatsächlich in Schweden gebauten Autos sind, die dem Rost besser standhalten als die neueren der 9er Reihe. Eine kurze Rücksprache mit Erik ergab, dass man, was die Alltagstauglichkeit angeht, mit den älteren Modellen auch nicht wirklich etwas falsch macht. Entscheidend sei, dass es keinen Rost gäbe – es sei durchaus möglich, diese Autos zu finden; auch, wenn ich mir das im Moment vermutlich nicht vorstellen könne …

Wegen Eriks Empfehlung suchte ich dann sehr gezielt nach Turbo-Autos, die in den Angeboten den Eindruck machten, als wären sie gut gepflegt – weitgehend unabhängig von Laufleistung und Alter. Und musste feststellen, dass das Angebot sehr übersichtlich ist. Sprich: Man hatte eine Liste von etwa 10, 15 Treffern im gesamten Bundesgebiet. Und die meisten davon sahen schon auf den Bildern so aus, als würde man sie nicht mal anschauen wollen, wenn man sie direkt vor der Nase hätte.

Einer stach allerdings deutlich heraus; ein 760er in Grau mit schwarzem Leder. Ich hatte ihn nie angeklickt, weil mir Potsdam doch ein bisschen weit weg von Mainz ist.

Im Angebot hieß es, dass man gerne weitere Bilder bekommen könne. Das interessierte mich; zumal ich wusste, wie sehr meine Frau das kantige, ältere Modell schätzen würde – insbesondere in einem dunklen Grau.

Ich schickte dem Besitzer über die Kontaktfunktion von Mobile eine Nachricht und bat um die Zusendung der Bilder. Freundlicherweise bekam ich wenige Stunden später direkt eine Reaktion, die in verbindlichem und entgegenkommendem Ton gehalten war. Das war ein gutes Zeichen nach den beiden vorherigen, recht sperrigen Kontakten.

Auf den gesendeten Bildern machte der 760er einen sehr guten Eindruck. Ich leitete sie an Erik weiter und verknüpfte ihn mit dem Verkäufer. Am nächsten Tag telefonierten die beiden lange miteinander. In diesem Telefonat bat Erik um die Anfertigung weiterer Fotos von bestimmten Stellen am Fahrzeug. Insgesamt wirkte der Verkäufer außerordentlich bemüht und sehr freundlich. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass mit dem Auto oder der Geschichte drumherum etwas unstimmig sein könnte.

Nachdem weitere gut 200 Bilder des Volvo bei Erik angelandet und begutachtet waren, entschieden wir uns, dass ich mich auf den Weg nach Potsdam machen sollte. Ich kaufte ein Zugticket nach Potsdam und bekam eine kleine „Begutachtungsschulung“ von Erik am 940er seines Mitarbeiters Martin Schnabel. Die Kernaussage dabei war: „So darf er nicht aussehen.“ Ich sollte wissen, an welchen Stellen Rost sein darf und wo nicht. Gleiches wurde für Stellen, an denen Öl sichtbar wird, wiederholt. Am Ende fuhr ich ein paar Meter mit dem „Schulungswagen“ um ein Gefühl zu bekommen, wie sich ein technisch intaktes Auto anfühlt.

An einem Sonntagmorgen im Juni war es dann soweit. Ich stand um 7 Uhr in der Frühe auf einem Bahnsteig am Mainzer Hauptbahnhof und kam gegen 13 Uhr in Berlin Hauptbahnhof an. Der Verkäufer hatte freundlicherweise über seine Nachbarn einen Abholservice für mich arrangiert, der mich am Bahnhof Wannsee einsammeln würde. So sah ich dann das erste Mal den grauen 760er, der mit offenkundig arg rostigen Bremsen an den Taxistand gerollt kam. Optisch sah er wunderbar gerade und gepflegt aus. Doch die Geräuschkulisse war, insbesondere wenn man nach gut sechs Stunden aus einem Zug fällt, sehr ernüchternd.

Mein Abholer war freundlich und zurückhaltend. Obwohl es recht warm war, hatte der Mann die Klimaanlage nicht eingeschaltet. Schmunzelnd stellte ich mich darauf ein, dass sie wohl nicht richtig funktionierte.

Mit eiernden Bremsen brachte mich der Nachbar zur Wohnung des Verkäufers, der selbst noch am anderen Ende der Stadt arbeiten musste. Er würde etwa eine Stunde später eintreffen, um über den Verkauf zu sprechen.

Ich händigte dem Nachbarn meinen Personalausweis als Pfand aus und nahm die Schlüssel in Empfang. Als nächstes setzte ich auf meinem Smartphone schnell eine GPS-Markierung, damit ich den Weg zurück auch zuverlässig finden würde. So konnte ich meine Probefahrt stets in „Sichtweite“ der GPS-Markierung durchführen.

Da der Tank ziemlich leer war, steuerte ich die erste Tankstelle an und ließ einige Liter Super fließen. Dann rollte ich einen Dreieckskurs um Potsdam herum, versuchte die Klimaanlage zu überreden, Kälte ins Innere des Wagens zu bringen und spielte durch, ob alle Knöpfe auf die dazugehörigen Funktionen auslösten. Bis auf die Klimaanlage arbeitete alles korrekt und ohne Auffälligkeiten.

Wegen der grausamen Geräusche von der Bremse rief ich Erik an und bat um Tipps, was ich gegen die Geräuschkulisse tun könne. Erik stellte ein paar Fragen und meinte dann, ich solle ein paar Mal sehr beherzt bremsen – dann sollte es etwas besser werden. So war es dann auch.

Trotz der grausamen Bremsen und der offenbar standgeschädigten Winterreifen wirkte der Volvo aber nie so, als wäre er ein schlechtes Auto. Eine für mich sehr interessante Erfahrung.

Nachdem ich meine Runde gedreht hatte, stellte ich den Wagen am Straßenrand ab und versuchte, einen Blick unter das Auto zu werfen. Leider hatte es bei meinem guten Dutzend Anrufe bei Potsdamer Tankstellen und Werkstätten, ob ich sonntags mal eine halbe Stunde auf eine Hebebühne dürfte, nur Absagen gehagelt. Man tut also gut daran, solche Probefahrten besser an Werktagen zu vereinbaren.

Unter dem 760er sah ich nichts, was nicht schon von den Fotos bekannt gewesen wäre; also widmete ich mich dem Allgemeinzustand des Wagens. Die bekannten Roststellen sah ich, ebenso bestätigte der Innenraum, was man auf den Fotos erkennen konnte: ein Fahrzeug, dass 24 Jahre lange benutzt aber nicht verbraucht wurde.

Der hintere Fensterheber auf der Beifahrerseite kämpfte mit seinem Abstreifgummi. Unterhalb der Zylinderkopfdichtung gab es eine kleine Öllache. Ja, der Auspuff war sehr rostig. Ja, es gab einige Kratzer. Nein, die Klima funktionierte nicht. Und doch. Die Ausstrahlung des Wagens war einnehmend. Er murmelte förmlich: „Stell’ dich nicht so an. Du bist selbst keine 20 mehr.“

Im Kopf ratterte durch, welche Zusatzkosten beim Kauf zu addieren wären. Da klingelte auch schon das Handy und der Verkäufer kam in einem Mietbulli um die Ecke gedübelt. Wir sprachen bei einem Kaffee kurz über den Rahmen und notwendigen Arbeiten. Das Gesamtbild des Wagens blieb schlüssig.

Der Verkäufer und ich einigten uns auf einen reduzierten Kaufpreis von 4.000 Euro. Mir war wichtig, an dieser Stelle ein Entgegenkommen zu spüren. Natürlich hatte ich kurz durchgespielt, was es bedeuten würde, unverrichteter Dinge wieder in einen Zug nach Hause zu springen – aber Eriks Telefonseelsorge wirkte beruhigend genug, den Kauf zu wagen.

Wir machten den Vertrag fertig und ich verabschiedete mich an die nächste Tankstelle. Ich schaltete das Radio ein und rollte auf die Autobahn nach Mainz. Mit dem guten Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Vielen Dank, Erik!

Nach 4.000 Euro Anschaffungs- und 2.500 Euro Instandsetzungskosten ein zuverlässiger Begleiter.
Nach 4.000 Euro Anschaffungs- und 2.500 Euro Instandsetzungskosten ein zuverlässiger Begleiter.

Was nach dem Kauf alles instandgesetzt wurde:

  • Bremsen komplett inkl. Schläuche
  • Motorlagerung
  • Reifen
  • Kraftstoff-Vorförderpumpe
  • Öl- und Filterwechsel
  • Zündkerzen
  • Luftfilter
  • Innenraumlüfter
  • Klimaanlagen-Lüfter und Neubefüllung Klima mit Dichtigkeitstest
  • Luftmassenmesser

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